Ein Herz und eine Seele

Apostelgeschichte 4,32-37

Hier finden sie den. soundtrack der Predigt.

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde — das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Warum dieser Text so interessant ist?

Ein Text erhält einen neuen Platz in der Predigtordnung

Dieser Text spielte bisher ein Schattendaasein. Er war am 13. Sonntag nach Trinitatis unter weitern Predigtexten, den sogenannten Marginaltexten. Jetzt hat er in der neuen Predigtordnung von 2017 einen Hauptplatz bekommen. Ich jedenfalls habe über ihn noch nie gepredigt.
Warum haben frühere Kommissionen ihm nur eine Randstellung eingeräumt? War er ihnen 1978 bei er letzen Revision noch zu politisch? Zu kommunistisch gar? Und warum traut man sich ihn jetzt wieder mehr in das Bewusstsein der Gemeinden zu rücken?

Christlicher Urkommunismus?

Die Gütergemeinschaft der ersten Christen, wie sie hier beschrieben wird, wurde immer wieder auch als christlicher Urkommunismus bezeichnet:

sondern es war ihnen alles gemeinsam.

So ist es verständlich, dass man 1978 zu Zeiten des eiserenen Krieges den Ideologen auf der anderen Seite des eiserenen Vorhangs keine Munition liefern wollte.

Nährboden für Utopien

Der Kommunismus so wie ihn Marx sich vorgestellt hat, hat sich als eine politische Utopoie herausgestellt.
Utopie das heißt: Etwas zu beschreiben, was es so in der Wirklichkeit (noch) nicht gibt. Auf jeden Fall sind alle Bemühungen den Kommunismus zu verwirklichen gescheitert.
Auch unser Text enthält Anspielung auf eine politische Utopie der Antike: In Platons Staat lebten die Wächter in Gütergemeinschaft, um sich besser auf ihre Aufgabe konzentrieren zu können, den Staat zu behüten Und es gab im griechischischen, wie auch im jüdischen Umfeld verschiedene Gemeinschaften, die Gütergemeinschaft praktizierten.

Was macht unseren Text so anders?

Freiwilligkeit als Vorrausetzung

Im Unterschied zum politischen Kommunismus bestand in den Urgemeinden kein Zwang zur Gütergemeinschaft.
Es war ein Akt der Liebe und des Glaubens, wenn Gläubige ihren Besitz in die Gemeinde einbrachten.
Ein Herz und eine Seele zu sein war Vorrausetzung dafür, dass die vorhanden Güter untereinander geteilt wurden.
Im Kommunismus aber versuchte man die Einheit zwangsweise herbeizführen. Privateigentum wurde als die Quelle allen Übels verstanden. Nach dessen zwangsweiser Abschaffung, so glaubte man, wären die Menschen dann automatisch ein Herz und eine Seele, der paradiesische Urzustand!
Auch Paulus betont die Freiwilligkeit:

2Kor 9:7 Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Das Fürsorgesystem der Urgemeinde

Es wird in diesem Text auch nicht im kommunistischen Sinne davon gesprochen, dass das Privateigentum aufgebhoben wird, sondern eher von einer gemeinsamen Sozialkasse:

Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen;

Dadurch, dass die Jerusalemer Gemeinde viele Glieder hatte, die nicht in Jerusalem zuhause waren, z.B. die Jünger aus Galliläa, hatten diese in Jerusalem selber kein Einkommen und mussten mitvesorgt werden.
Ein ähnliches System finden wir in Apostelgeschichte 6, wo von der Versorgung der Wittwen berichtet wird:

Acts 6,1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

Es ging dabei immer darum, konkret auf Nöte zu reagieren

und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Martin Luther hat sich dann auch auf unsere Stelle bezogen als er nach der Schließung der Klöster in den evangelischen Gemeinden, eine Sozialkasse für Arme eingeführt hat.
Allerdings im Unterschied zur Refomration und heute wurde damals in der Urgemeinde keine Almosen in die Kasse einbezahlt.
Nicht nur wenige Münzen in den Klingebeutel.
Sondern große Summen.
Grundstücke wurden verkauft und der Erlös der Gemeinde gespendet.
Es hat also tatsächlich eine Umverteilung stattgefunden. Die Besitzenden haben sich von ihrem Besitzt getrennt, damit die Armen versorgt werden konnten!

Der Grund: Jesus Christus

Was die ersten Christen gemacht haben und wie sie es gemacht haben, ist jetzt weitgehend klar?
Aber warum haben sie ihre Habe miteinadner geteilt?

33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Es war kein Gesetz, kein Zwang, sondern die Liebe. Diese Liebe aber gründete auf die Auferstehung Jesu Chriti, der durch die Liebe am Kreuz den Tod besiegt hatte.
Sie war alle in Jesus Christus reich beschenkt, und konnten deshalb sich selbst und ihre Güter verschenken.
Aus dieser Perpektive heraus kamen sie zur der Grundhaltung

auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Weil Jesus Christus ihr höchstes Gut war, spielte der eigene Besitz nicht mehr die entscheidenend Rolle. Und sie konnten sich von ihm in Liebe und freiwiliig trennen.

Ideal oder Gemeinschaft in Christus

Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinem Buch "Gemeinsames Leben" von 1939

Christliche Gemeinschaft ist nicht ein Ideal, das wir zu verwirklichen hätten, sondern ist eine von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen.

Wo Christus und sein Wort nicht mehr im Mittelpunkt steht da bleibt nur die psychische Gemeinschaft.
Ihr Grund, so fährt Bonhoeffer fort,

ist das dunkle, undurchsichtige Treiben der menschlichen Seele

Deswegem kann der Kommunismus auch nicht funktionieren. Denn dort wo Jesus Christus nicht mehr im Mittelpunkt steht, sind wir diesem dunklen und, undurchsichtigen Treiben ausgeliefert.

Große Gnade

Gemeinschaft als Gnade

Was mich bei Bonhoeffer persönlich angesprochen hat ist der Satz

Sichtbare Gemeinschaft ist Gnade

Es ist nicht selbstverständlich, das wir diese Gemeinschaft in Christus erleben können. Sie ist ein Gnadengeschenk
Oft führt uns Gott auch in die Einsamkeit und wir müssen mitten unter den Feinden Christi leben.
So wie Jesus am Kreuz
Paulus und Bonoeffer im Gefängnis
Oder wie die Jerusalemer Urgemeinde, die nach dieser Gnadenzeit durch Verfolgung in alle Länder zerstreut wurde, um das Evangelium zu verkündigen.

Die Gnadenzeit der Urgemeinde

Über die ersten Christen in Jerusalem heißt es in unserem Predigttext

und große Gnade war bei ihnen allen.

Was heißt dieser Satz?
Die Gnade war mit ihnen, weil es ein starkes Zeugnis für den auferstandenen Herrn gegeben hat. Soweit so gut.
Aber dieses Zeugnis war kein leeres Geschwätz.
Nicht umsonst hat der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack in seinem Werk "Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten" fesgestellt, dass die effektive Armen- und Krankenfürsorge ein Grund für die rasche Ausbreitung des Christentums war.
Alle Menschen sahen und spürten:
Der Aufertandene wirkt unter den Christen
Seine Liebe ist so stark, dass Menschen seinem Gebot an den reichen Jüngling folgen:

Mark 10,21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!

Die Christen in Jerusalem haben dieses Wort Jesu befolgt. Das die Jerusalemer Gemeinde keine Rücklagen gebildet hat und dann auf die Hilfe anderer Gemeinden angewiesen war, ist eine andere Geschichte.

Seine Liebe ist so stark, dass sich die Christen um die Bedürtigten kümmern

Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte;

Hier war in Jesus Christus ein neues Zeitalter angebrochen, in dem Liebe und Barmherzigkeit, die Not dieser Welt besiegten.

Die Liebe des Auferstandenen ist so stark, dass Menschen ein Herz und eine Seele sind, eine starke lebendige Gemeinschaft

Diese Gnade der Gemeinschaft in Jesus Christus schenke Gott unserer Gemeinde!
Amen