Die pastorale Aufgabe in der Krise aus neurologischer Sicht

Die Limbische Revolution

Das erfolgreichste Unternehmen aller Zeiten

Was ist das erfolgreichste Unternehmen aller Zeiten?
Apple oder Google?
Nein, sie werden es vielleicht erraten haben: Es ist die katholische Kirche.
Und tatsächlich besteht die katholische Kirche länger als jede andere staatliche oder nicht-staatliche Organisation auf dieser Erde.
Das dürfte so weit bekannt sein.
Die Frage ist nur, warum ist das so?
In seinem Buch "Think Limbic - Die Macht des Unbewussten nutzen für Management und Verkauf" gibt der Autor Hans-Georg Häusel gleich mehrere Superlative für die katholische Kirche an:

  • Produkt: gnostische, kognitive, soziale und psychische Sicherheit
  • Kundenstamm: 1,1 Milliarden Menschen
  • Filialen: ca. 5 Millionen Kirchen weltweit
  • Mitarbeiter: mehr als 10 Millionen
  • Vermögen: mehr als Microsoft oder Apple
  • Unternehmensalter ca. 2000 Jahre

Den Hauptgrund für den Erfolg der katholischen Kirche sieht Häusel darin, dass sie es durch gekonnte Inszenierung der religiösen Idee versteht, direkt das limbische System im Gehirn anzusprechen.

Limbisches System versus Großhirnrinde

Das sollte für uns Grund genug sein, um uns mit dem limbischen System etwas genauer zu beschäftigen.
Unser Gehirn hat eine vertikale Gliederung

  • Großhirn
  • Mittelhirn
  • Kleinhirn

Und zwischen dem Mittel- und dem Großhirn sitzen Gehirnstrukturen, die als limbisches System verstanden werden.
Und nun kommt's: Die Rolle dieses Systems wird in den Neurowissenschaften immer wichtiger.
Der Autor Häusel spricht sogar von einer Limbic Revolution oder von einem Thronsturz des Großhirns.
Ich fasse das mal so zusammen: Die landläufige Meinung (auch die protestantische) ist, dass unsere Rationalität unser ganzer Stolz ist - all die intellektuellen Leistungen, die im Großhirn geschehen.
Die Neurologie lehrt uns aber, dass gerade diese intellektuellen Leistungen ohne die Steuerungsfunktionen des limbischen Systems gar nicht möglich sind.

Die Warum-Frage und PUK

Und dann sind wir wieder gleich bei ganz aktuellen Fragen:
Der Autor Simon Sinek spricht in seinem Buch: Frage immer erst: Warum?
über die Wie? Was? und die Warum? Frage.
Die Was- und die Wie-Fragen ordnet er dem Großhirn zu, also inhaltliche Fragen und Prozessfragen.
Die Warum-Frage ordnet er dem limbischen Sytem zu.
Legen sie dieses Raster mal auf ein Reformpapier wie den PUK-Synodenbeschluss oder das EKD-Papier "Kirche der Freiheit", dann werden sie Antwort auf ganz viele Wies und Was' finden, also was wir verändern wollen und wie wir es verändern wollen. Aber nur sehr wenig Warums, die unser lymbisches System ansprechen.

Die Corona-Krise als Chance

Vielleicht ist die Corona-Krise die Chance, unser Warum wieder ganz neu zu finden, weil viele Was' und Wies gestoppt sind oder nicht mehr so weiterlaufen. Und vielleicht ist die Krise die Chance, die uns anvertrauten Menschen auf ihr Warum und ihr limbisches System anzusprechen.

Das Stress-System

Beginnen wir mit einem ersten praktischen Beispiel: Ich beziehe mich im Folgenden auf einen Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Roth, Führung in der Krise aus neurobiologischer Sicht in der Akademie für neurowssenschaftliches Bildungsmanagement, deren Mitglied ich bin.

Veränderung erzeugt Stress

Veränderungen, wie sie durch die Corona-Krise hervorgerufen werden, erzeugen Stress.

  • Lock down
  • Neue Arbeitsbedingungen
  • Eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten

Das Stress-System hilft uns dabei, mit Krisen umzugehen.
Durch die Ausschüttung von bestimmten Hormonen (z.B. Cortisol) wird unsere Leistungsbereitschaft gesteigert.
Stress ist also eine "Coping"-Strategie unseres Körpers.

Die umgekehrte U-Kurve

Unsere Leistungsbereitschaft kann jedoch nicht unbegrenzt gesteigert werden.
Es gibt einen guten Stress (Eustress). Solange wir in dieser Zone sind, können wir Höchstleistungen erbringen. Überspannen wir aber den Bogen, dann nimmt unsere Leistungsbereitschaft rapide ab.
Jeder Mensch ist hier unterschiedlich. Das heißt, er reagiert auf Stress unterschiedlich. Es gibt eben den ängstlichen Typ, der schon bei relativ kleinen Veränderungen "die Nerven verliert", und eben den Typ, der sich scheinbar durch Corona nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Erstes Fazit für die pastorale Aufgabe in der Krise

Wir müssen wachsam werden für die unterschiedlichen Stressbearbeitungsmuster unserer Mitmenschen (einschließlich unserer eigenen).
Denn wenn unsere Mitmenschen oder wir selbst den U-Punkt überschritten haben, dann fällt ihr Energieniveau, und paradoxerweise fährt auch ihr Immunsystem herunter und sie werden erst recht anfällig für Krankheiten.

Das Bindungssystem

Bindung reduziert Stress

Durch Berührungen, z.B. Händchenhalten wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Es ist der hormonelle Kleber für unsere Beziehungen.
Zusätzlich reduziert es auch noch Stress, d.h. es reduziert den Cortisolspiegel.

Das spezifische Dilemma der Corona-Krise

Jede Krise löst Stress aus, weil sie Veränderung mit sich bringt.
Aber in der Corona-Krise verlieren wir ein wichtiges Gegenmittel gegen den Stress, das Oxytocin.
Also Cortisol wird hochgefahren und gleichzeitig Oxytocin runtergefahren.
Das ist sozusagen die biochemische Signatur dieser Krise.

Zweites Fazit zur pastoralen Aufgabe in der Krise

Wir sollen Stress reduzieren, aber uns ist ein wichtiges Antistressmittel genommen:

  • reale soziale Kontakte
  • Berührungen (z.B. Segen)

Wie gehen wir damit um?

Ausweg

Nun hat unser Gehirn einen entscheidenden Vorteil: Es schüttet nicht nur Oxytocin aus, wenn wir tatsächlich berührt werden, sondern bereits wenn wir uns vorstellen, dass wir berührt werden.
Und ein weiterer Vorteil: Wir können die Bindung und die Ausschüttung von Oxytocin durch unsere Körpersprache verstärken. Das geschieht dann, wenn unsere Worte und unsere Körpersprache kongruent sind.
Beispiel: Mein Zahnarzt nimmt vor Betreten des Behandungsraumes aus sicherer Entfernung einmal kurz die Maske ab, damit ich sein Gesicht und sein Lächeln sehen kann.

Drittes Fazit: Die Bindung verstärken trotz social distancing

All das, was wir ja hoffentlich sowieso schon getan haben, um die Beziehung zu Menschen zu stärken, wird jetzt doppelt wichtig:

  • die gemeinsame (virtuelle) Kaffeepause
  • das aufmunternde Wort
  • die persönliche Anteilnahme

Unterstützt durch unsere Körpersprache, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt.

Viktor Frankl

Ich möchte nun die bisherigen Ergebisse vertiefen, durch zwei Erlebnisse des Begründers der Logotherapie Viktor Frankl.
Viktor Fankl war Jude und überlebte das KZ.
In seinem Buch "Trotzdem ja zum Leben sagen, ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" berichet er darüber.
Dabei sind mir zwei Strategien aufgefallen, die Viktor Frankl geholfen haben, das KZ zu überleben.
Und wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das KZ eine größere Krise darstellt, als wir sie jetzt gerade erleben und hoffentlich je erleben werden.
Die Einlieferung in das KZ bedeutete:

  • andauernder Mangel an Nahrung
  • Arbeit bis zur Erschöpfung
  • ständige Todesbedrohung durch Krankheiten und die Wachmannschaft
  • totale Entwürdigung und Entmenschlichung
  • geringe Chancen auf Besserung; Frankl selbst schätzte seine Überlebenschancen auf ungefähr 5% ein.

Was kann in einer solchen Situation noch helfen?

Die Selbstgespräche mit seiner Frau

Frankl berichtet, dass er sich auf den zermürbenden Märschen vom Lager zur Arbeitsstelle vorstellte, sich mit seiner Frau zu unterhalten.
Wahrscheinlich war seine Frau zu diesem Zeitpunkt schon tot.

Ich führe Gespräche mit meiner Frau. Ich höre sie antworten, ich sehe sie lächeln, ich sehe ihren fordernden und ermutigenden Blick, und - leibhaftig oder nicht - ihr Blick leuchtet
jetzt mehr als die Sonne, die soeben aufgeht.

Warum hat ihm diese Vorstellung geholfen?
Ich kann es nicht beweisen, aber wahrscheinlich hat der Gedanke an seine geliebte Frau Oxytocin ausgeschüttet. Dies hatte eine beruhigende, stressabbauende Wirkung.

Die Vorstellung nach dem KZ Vorträge über das KZ zu halten

Frankl selbst nennt es einen Trick.
Die Vorstellung an das Danach half ihm zu überleben und nicht zu verzweifeln.

Da ge­brauche ich einen Trick: plötzlich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten, schönen und warmen, großen Vortragssaal am Rednerpult stehen, vor mir ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen - und ich spreche; spreche und halte einen Vortrag über die Psy­chologie des Konzentrationslagers!

Hier kommt nun ein weitere Funktion des limbischen Systems zum Einsatz: das Belohungssystem.
Wenn wir erfolgreich sind, produziert unser Gehirn Dopamin. Und dieses Hormon motiviert uns zu noch mehr Engagement:
Nichts ist erfolgreicher als Erfolg sagt der Volksmund.
Um aber überhaupt entscheiden zu können, wo wir erfolgreich sein könnten, versetzt uns unser Gehirn in die Lage, uns verschiedene Erfolgsszenarien vorzustellen, und die dabei ausgeschütteten unterschiedlichen Dopaminwerte bieten uns eine Entscheidungshilfe.
Diese Dopaminauschüttung durch Vorstellung hat V. Frankl wahrscheinlich ausgenützt.

Die pastorale Aufgabe in der Krise aus neurologischer Sicht (Zusammenfassung)

Krisenbewältigung aus neurologischer Sicht

Fassen wir zusammen: Allein die Vorstellung von etwas kann in unserem Gehirn entsprechende Hormonauschüttungen auslösen, die uns helfen eine Krise körperlich und seelisch zu überstehen.
Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob diese Vorstellungen real oder ihre Verwirklichung realistisch sind. Das sehen wir am Beispiel von Frankls Frau und seiner höchst unwahrscheinlichen Vorstellung, das KZ zu überleben. Aber die entsprechenden induzierten Hormonauschüttungen helfen uns, überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Oxytocin reduziert den Stress und Dopamin erhält unsere Denkfähigkeit aufrecht. Das erhöht unsere Erfolgs- und Überlebenschancen. Frankl beschreibt immer wieder, dass Menschen, die die Hoffnung aufgegeben hatten, unter den extremen Bedingungen des KZ sehr schnell gestorben sind. Ein erhöhter Stresspegel macht uns zusätzlich zu anderen Faktoren, wie Mangelernährung oder extremen körperliche Belastungen, noch anfälliger für Infektionskrankheiten.

Hüter des Schatzes an guten Vorstellungen

Gibt es irgendwelche Vorstellungen, die wir in unserem Portfoilo haben, die Menschen in der Krise helfen können?
Ich glaube, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben da eine ganze Menge anzubieten! Und ich kann die breite Fülle heute morgen hier nicht ausführen. Wir haben eine schier unermessliche Schatzkiste. Und die Tatsache, dass es Religion und Kirche immer noch gibt, zeigt, wie wichtig und erfolgreich wir diese Schatzkiste angewandt haben. Denn ohne Religion und Religionsgemeinschaften hätte die Menschheit viele der Krisen der letzten Jahrtausende nicht überstanden.

Beispiel aus der Religionspsychologie: Gespräche mit Jesus

Lassen sie mich abschließend ein einziges Beispiel anführen. Der schwedische Religionspsychologe Hjalmar Sundén beschreibt (Religionspsychologie 1982), wie Menschen auf Grund von intensivem Bibelstudium und Gebeten soviel episodisches Material in ihrem Gehirn abspeichern, dass sie quasi über eine lebendige Jesusfigur in ihrem Gedächtnis verfügen und mit dieser Figur virtuelle Gespräche führen können.

Aber (Theresa) war doch dahin gelangt, dass die Rolle Christus in ihrem Gehirn als ein gestaltetes Muster fest eingeprägt war (…) Zuerst erlebt sie Christi Gegenwart an ihrer Seite, mit der Zeit erfährt sie eine Anrede von Christus, und schließlich kann sie bei bestimmten Gelegenheiten Christus sowohl sehen als auch hören.

Das erinnert schon sehr an die Gespräche von Frankl mit seiner Frau. Es sind meiner Meinung nach die selben neurologischen und memotechnischen Vorgänge, die hier ablaufen.
Ich habe das in meinem Buch Neuronale Theologie kommentiert. Hier finden sich auch Ausführungen, was das für unseren Glauben an die Auferstehung bedeuten könnte. Darauf gehe ich jetzt hier nicht ein.
Aber auch wenn jetzt an diesem Punkt noch viele Fragen offen sind, machen sie sich die ungeheure Chance und Aufgabe bewusst, die hier auf uns wartet.
Menschen dazu zu helfen, solche hilfreichen Gespräche und Erfahrungen mit Jesus zu haben. Natürlich dürfen auch Menschen weiterhin wie Frankl Gespräche mit ihren abwesenden Lebenspartnern führen. Das ist ja nicht ausgeschlosssen. Aber nicht jeder hat einen Lebenspartner, und selbst wenn er einen Lebenspartner hat, hat er nicht immer nur gute Erinnerungen an ihn, die weiterhelfen.
Dieses Beschränkungen gelten für Jesus Christus nicht. Mit ihm in Kontakt zu treten, sein Bild in unser Herz aufzunehmen, steht jedem/jeder offen. In Jesus Christus manifestiert sich die Liebe Gottes für jeden und jede, zu jederzeit. Das ist ja auch der Sinn der Christologie: Jesus hat als Sohn Gottes eine universalle Bedeutung.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Literatur

Burkhardt, Martin: Neuronale Theologie, 2018.
Frankl, Viktor: Trotzdem Ja zum Leben sagen, 9. Aufl der Neuauflage von 2005 (1977).
Häusel, Hans-Georg: Think Limbic! Die Macht des Unbewussten nutzen für Managment und Verkauf, 6. Aufl., 2019.
Sinek Simon, Frag immer erst: Warum- Wie Führungskräft zum Erfolg inspirieren, 4. Aufl., 2017, aus dem Englischen von C. Gonsa (2009)
Sundén Hjalmar: Religionspsychologie, 1982.

Eine Antwort auf „Die pastorale Aufgabe in der Krise aus neurologischer Sicht“

  1. Gefällt mir gut!
    Aber ich erwarte auch, dass wir Hauptamtlichen auch bereit sind persönliche Risiken einzugehen.
    Schließlich handeln wir in der Verheißung unseres Gottes — also bitte weniger Verzagtheit oder mehr Mut und Hoffnung.
    Viele Grüße

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