Was leistet neuronale Theologie?

Neuronale Theologie kann religiöse Prozesse erklären

Neuronale Theologie kann religiöse Prozesse erklären, indem sie auf die Korrelate dieser Prozesse in unserem Gehirn blickt.

Begriffserklärung: Eine Korrelation ist zunächst eine Beziehung zwischen zwei Merkmalen Ereignisen, Zuständen und Funktionen. Die Dinge, die miteinader in beziehung stehen nennt man Korrelate

Damit sind zwei Einschränkungen gesetzt:

Neuronale Korreleate sind nicht mit den religiösen Prozessen identisch

Religiöse Prozesse korrelieren mit neuronalen Prozessen, sind aber mit ihnen nicht identisch. Diese Einschränkung ist wichtig, weil es zur Zeit von der Philosophie Vorbehalte gibt, ob das, was die Neurologie zur Zeit herausfindet, tatsächlich als eine allgemeingültige Aussage über uns als Menschen verstanden werden kann. Der Menscht ist nicht sein Gehirn, sondern er hat ein Gehirn.
Allerdings muss hier eingewendet werden, ob wir überhaupt eine andere, bessere Methode haben, um Aussagen über uns als Menschen zu machen. Letzlich bliebe hier nur noch Methoden wie Introspektion oder sprachliche Analyse übrig. Diese beruhen aber ebenso auf neuronalen Prozessen. Zumindestens muss gefordert werden, das anthropologische Aussagen nicht neuronalen Erkenntnissen widersprechen dürfen, sondern mit ihnen korrelieren.

Neuronale Theologie kann nur Aussagen machen über das, was in unserem Gehirn geschieht

Neuronale Theologie beruht auf Aussagen, die wir über unser Gehirn machen. Sie kann deshalb nur bedingt Aussagen machen über Dinge die außerhalb unseres Gehirns liegen. Dies trifft z.B. auf die Frage nach Gott zu. Wir können in einer neuronalen Theologie nur über Gott reden, insofern er in unserm Gehirn vorhanden ist, das heißt, insofern es zum Gottesgedanken neuronale Korreleate in unserem Gehirn gibt. Ein Gott ,der ganz außerhalb unseres menschlichen Verstehens und Denkens gibt, läßt sich damit nicht erfassen. Dieser Einwand gilt aber für jede Art von Theologie, die ja immer auf unser menschlichen Denken beruht und deshalb von der Funktionsweise unseres Gehirns abhängig ist.

Neuronale Theologie innerhalb der Grenzen der Naturwissenschaften

Mit diesen Begrenzungen ist auch schon gesagt, was neuronale Theologie nicht leisten kann. Sie kann keine Gottesbeweise liefern. Sie ist genauso begrenzt wie die Naturwissenschaften selbst. und muss ihre Grenzen anerkennen.

Der Nanobereich

Dies wird schon in der Neurologie dadurch deutlich, dass die entscheidenden Prozesse im synaptischen Spalt zwischen zwei Neuronen im Nanobereich liegen und hier interatomare und subatomare Prozesse stattfinden, für die die Heissenbergsche Unschärfenrelation gilt. Der Ort eines Teilchen kann nicht exakt angegeben werden. Mit anderen Worten: Der für die Neurologie so entscheidenen Vorgang, ob ein Neuron einen Nervenimpuls weiterleitet oder nicht, beruht auf Prozessen die außerhalb der kausalen Kette liegen.

Paralelluniversen

Die Möglichkeit, dass es außerhalb des für uns sichtbaren Universums noch weitere Universen gibt, in denen womöglich ganz andere Naturgesetzte gelten wird in der Physik diskutiert und zu mindestens nicht vollständig ausgeschlossen. Neuronale Theologie kann natürlich, ebenso wie die anderen Wissenschaften, über diese Universen nur Aussagen machen, insoweit sich unser Gehirn damit überhaupt auseinander setzen kann.

Information, Enerige und Materie

Unkeklärt ist ebnso die Frage, ob der Information neben Energie und Materie nicht auch eine eigenständige Bedeutung zukommt. Normalerweise wird davon ausgegangen, dass Materie und Energie die Grundlage für Information sind. Das heißt für die Neurologie konkret, dass im Gerhirnscan eines materiellen Gehirns Energieströme gemessen werden, um daraus auf die Information zu schließen, die gerade verarbeitet wird.
Wenn aber die Information der tragenden Baustein der Wirklichkeit ist, würde dies bedeuten, dass die im Gehirn vorhanden Informationen sowohl Energieströme als auch materielle Erscheinung des Gehirns bestimmten. In gewisser Weise finden wir dieses Prinzip bereits bei der Neuroplastizität wieder: Information verarbeitende Prozesse formen die materielle Erscheinung des Gehirns und steuern den Energiehaushalt des Gehirns.
Wenn dem so ist, dann wäre die Annahme, dass der Geist nur ein evolutionäres Produkt der Materie ist hinfällig.

Neuronale Theologie als Humanwissenschaft

Durch die Naturwissenschaften sind, wie wir im letzen Abschnitt gesehen haben auch der neuronalen Theologie Grenzen gesetzt. Immerhin ist klar, dass in Grenzbereichen der heutigen Physik durch aus noch Platz ist für die Wirksamkeit einer Wirklichkeit, die sich außerhalb unseres Verstehens und außerhalb der uns bekannten Naturgesetze befindet.

Gegenstand der Humanwissenschaften

Nun beschäftigt sich die Neurologie und mit ihr die neuronale Theologie aber nicht mit dem Universum und der Natur im Allgemeinden, sondern mit unserem Gehirn. Sie ist deshalb eine Humanwissenschaft. Ihr Forschungsgegenstand ist der Mensch und das menschliche Leben. Diese menschliche Sphäre ist durch Geburt und Tod eingegrenzt.

Gegenstand der neuronalen Theologie

Gegenstand der neuronalen Theologie im Besonderen sind nun diejenigen Prozesse, die die menschliche Sphäre transzendieren.
Dies sind z.B.

  • Gedanke an eine Zeit vor der Geburt oder nach dem Tod
  • Gedanken an ein Wesen, das jenseits des menschlichen Werden und Vergehens ist, z.B. der Gedanken an Gott.

Neuronale Theologie versuch nun die Korrelate dieser Prozesse im Gehirn zu finden und sie dadurch zu erklären.

Beispiel:
Der Gedanke an Tod und Sterben lößt in der Amygdala eine starke emotionale Reaktion aus. Zur Steuerung dieser Reaktionen hat das Gehirn entsprechende religiöse Vorstellungen entwickelt um dies Angst zu dämpfen.

Humanwissenschaftliches Erklärungsmodell der neuronalen Theologie

An diesem Beispiel wird sichtbar, dass neuronale Theologie primär auf ein menschliche Erklärung der Korrelate angewiesen ist. Der Mensch muss zunächst aus sich selbst verstanden werden. Die Ursache für religiöse Prozesse werden zunächst im Bereich des Menschlichen gesucht und nicht bei Gott gesucht.
Eine meiner Generalthesen lautet: Religion ist deshalb notwendig, weil sonst die Prozesse in unserem Gehirn zu komplex werden und eine sinnvoll Steuerung nicht mehr möglich ist Es gäbe dann zuviele sich wiederholende Gedankenschleifen und unabgeschlossene Denkprozesse, die zu einer Überlastung führen würden.

Begrenzung auf den Forschungsgegenstand

Es wäre nun eine Überschreitung der engen Grenzen einer ernst zu nehmenden Wissenschaft, wenn neuronale Theologie diese Grenzen überschreiten würde und ihre aus dem Humanbereich gewonnen Erkenntnisse auf allgemeine Aussagen über Gott verallgemeinern würde. Wie der Untertitel meines Buches "Neuronal Theologie" sagt, geht es dabei nicht um Gott selbst sondern "Wie unser Gehirn Gott erfasst."

Die Chance der neuronalen Theologie

Wir haben vielleicht das erste mal in der Menschheitsgeschichte die Chance religiöse Prozesse auf wissenschaftlicher Grundlage genauer zu analysieren. Wir können nun genauer verstehen, was menschliche Religion eigentlich ist und wie sie "funktioniert".
Mit diese Frage muss sich eigentlich jeder, der mit Religion professionell zu tun hat auseinander setzen.
Das kann dazu beitragen, die Bedeutung von Religion für das menschliche Dasein in der gegenwärtigen Zeit erneut herauszustellen und die Einübung in die Religion als Teil des Menschlichen Lebens zu verbesseren.

Die Risiken der neuronalen Theologie

Implizite Religionskritik

Es ist damit natürlich nicht ausgeschlossen, dass neuronale Theologie zu einer Religionskritik wird. Sie kann dazu beitragen, dass schädliche oder falsche Religionsausübung entlarvt wird.
Dies gilt vor allem dort, wo sich Religion auf schädliche oder nicht der Wiirklichkeit entsprechende Imaginationen stützt.

Mögliche Provozierung von Widerständen

Deswegen ist natürlich auch mit Widerständen zu rechnen. Aber gerade diese Widerstände deuten auf neuronale und soziale Mechanismen hin, wie religiöse Systeme versuche, sich gegenüber Veränderung abzuschotten und die frei wissenschaftliche Arbeit zu tabuisieren.

Fragen für die Praxis

Aufdeckung der religiösen neuronalen Mechanismen - fides qua creditur

Zunächst gilt es die religiösen Mechanismen aufzudecken, die für unser Gehirn grundlegend sind.
Dies ist z.B. die Tagsache, dass kein Mensch ohne Glauben leben und denken kann. Glaube ist ein Mechanismus, den wir brauchen, um überhaupt mit der Zukunft planen und operieren zu können.
Ohne Glaube würden wir an der schier unendlichen Menge an Zukunfsmöglichkeiten scheitern. Neuronale Theologie ist hier sehr gut geeignet diese Glauben, durch den geglaubt wird zu analysieren.

Der Gegenstand des Glaubens- fides quae creditur

Schwieriger ist es dagegen die Wahrheit des Glaubens, der geglaubt wird neuronal zu beweisen.

Beispiel: "Gott ist gut"
Neuronale Theologie kann zwar erklären, warum Menschen auf den Gedanken kommen, dass Gott gut sein muss, z.B. im Rahmen einer platonischen Ideenpyramide, das Gott das höchste Gut ist. Sie kann auch zeigen, dass die Vorstellung eines "gütigen Gottes" unseren Gehirnen gut tut, weil sie Angst abbaut. Was sie aber nicht kann, ist zu zeigen, dass unsere Vorstellungen von einem guten Gott, tatsächlich mit Gottes Wirklichkeit übereinstimmt.

Das heißt aber nicht, dass neuronale Theologie in diesem Bereich gar nichts zu sagen hätte: Sie kann durchaus, die neuronale Wirkung von religiösen Aussagen analysieren und dadurch eine Vorauswahl treffen, welche Aussagen für eine religiöse Praxis von Vorteil sind.
Außerdem kann sie kritisch überprüfen, ob der Gegenstand des Glaubens nicht selbst durch den Glauben hervorgebracht wird.

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