Einfach Jesus (Vortrag)

Für eine christologische Erneuerung von Theologie und Kirche


Man könnte mir vorwerfen, dass so eine Idee, wie die einer christologischen Erneuerung nur von einem frommen Theologen kommen kann. Und es stimmt, ich bin ein frommer Theologe. Aber es hat eines langen Weges und auch vieler Umwege bedurft, bis ich mir dieses Programm auf meine Fahnen schreibe.

Über die Unkirchlichkeit dieser Zeit

Ein langer Anlauf ist der Weg über meine Doktorarbeit. "Die Diskussion über die Unkirchlichkeit, ihre Ursachen und möglicher Abhilfen", erschienen 1999. Allerdings ist damit nicht die Unkirchlichkeit, Säkularisierung, Entchristianisierung oder der Vorgang des Relevanzverlustes unserer Kirche in unser Gesellschaft von heute gemeint, sondern von vor gut zweihundert Jahren. Am Ende der Aufklärung und in der napoleonischen Zeit hatte es einen ersten großen kirchlichen Einbruch gegeben, der sich dann unterbrochen durch einige bessere Perioden bis in unsere Zeit fortgesetzt hat. Nun ist allgemein bekannt, dass das Problem damals vor zweihundert Jahren erstmals sichtbar geworden ist. Umso mehr verwundert es, dass in den aktuellen Reformdebatten der Kirche ein kritischer historischer Rückblick auf gut zweihundert Jahre Reformgeschichte und Kampf gegen die Entchristianisierung weitgehend fehlt. Und so werden ohne historische Reflexion immer wieder dieselben Heilmittel, wie schon vor zweihundert Jahren vorgeschlagen.
Ganz zentral ist die Frage nach einer besseren religiösen Erziehung (Burkhardt, 99, S. 241) und man erwartete schon damals von einer Struktur und Verfassungsreform eine Besserung der Verhältnisse (a.a.O, S. 242).
Um es auf den Punkt zu bringen: Man versucht die Aufklärung mit der Aufklärung zu überwinden: Es geht um eine Verbesserung der kirchlichen Verhältnisse von der Vernuft her, den Aufbruch des Menschen "aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit".
Nun dagegen ist ja auch nichts einzuwenden und es hat ohne Zweifel auch in der Kirche viele gute Verbesserungen gegeben, die wir alle nicht vermissen wollen.
Aber es stellt sich die Frage, ob dieses aufklärerische oder liberale Paradigma in der gegenwärtigen Form nicht überholt ist.
Interessant ist auch, dass damals wie heute auf Basis eines sehr weit ausgelegten Religionsbegriffs argumentiert wird. Auch das ist ein Erbe der Aufklärung. Doch davon später mehr.

Neuronale Theologie

Doch der Einwand gegen das aufklärerische oder liberale Paradigma kommt ausgerechnet von der Wissenschaft selbst.
Denn so "vernünftig", wie wir alle meinen, sind wir leider nicht!
Auch das war ein langer Weg für mich und ich bin von vielen frommen Kollegen dafür belächelt worden!

Die limbische Revolution

Unsere rationalen Denkprozesse die im Großhirn ablaufen sind wesentlich durch das limbische System im Mittelhirn gesteuert. In seinem Buch "Think limbic" fasst H.G. Häusel die Ergebnisse sehr schön zusammen. Er spricht gar von einer "Limbic Revolution: der Thronsturz des Großhirns" (Häusel, 2014, S. 41). Sehr präzise hat G. Roth in seinem Buch "Wie das Gehirn die Seele macht" , die Prozesse beschrieben. Dabei geht er von sechs hormonell gesteuerten Regelsystemen aus:

  1. Stressverarbeitungssystem (u. a. Cortisol)
  2. Das interne Beruhigungssystem (Oxytocin, Serotonin)
  3. Das interne Bewertungs- und Belohnungssystem (endogene Opiate, Dopamin)
  4. Das Impulshemmungssystem (u. a. Serotonin und Dopamin)
  5. Das Bindungssystem (Oxytocin)
  6. Das System des Realitätssinns und der Risikobewertung (Noradrenalin, Acetylcholin)

Was das letzlich bedeutet, lässt sich heute noch gar nicht überblicken, weil die Forschung noch voll im Gang ist. So viel sei aber angedeutet:

  • Wenn man ein mächtiges Organ hat, dann kann man nicht gegen es, sondern nur mit ihm regieren.
  • Wir können nicht gegen unser limbisches System denken und handeln, sondern nur mit ihm!
  • Ohne die Berücksichtigung der Funktionen des limbischen Systems können Veränderungsprozesse leicht scheitern (Adlmaier-Herbst, 2018, S. 40)
  • Im Zusammenspiel zwischen Neokortex und limbischem System muss auch die Frage nach dem freien Willen neu ausgehandelt werden. (Vgl. z.B. Bauer 2015, .bes Adlmaier-Herbst, 2018, S. 101 f).

Wohin eine Vernachlässigung des limbischen System führt, zeigt leider auch die jüngste deutsche Geschichte. Der Nationalsozialismus hat quasi den Geist der deutschen Aufklärung und unseren vernüftigen Neocortex ausgehebelt. (Vgl. Häusel, S.54 f )

Was aber heißt das nun für Kirche und Theologie?

Sie muss sich mehr mit dem limbischen System beschäftigen, sie muss neuronale Theologie betreiben. Theologie, die nicht am Menschen und seinem Gehirn vorbei geht, sondern auf sein Gehirn eingeht und mit seinen Strukturen rechnet. Mit anderen Worten Theologie muss gehirngerecht sein!
Wenn Luther theologisch so erfolgreich war, weil er den Menschen "aufs Maul schaute", dann müssen wir heute den Menschen ins Gehirn schauen!
Anderenfalls werden unsere Theologie und unsere Kirche weiter an Relevanz verlieren.
Das heißt dann aber auch, vom reinen aufklärerischen Paradigma Abschied zu nehmen und auch die Kräfte in unserem Denken wahrzunehmen, die unterhalb des Großhirns liegen.
Das heißt natürlich nicht, dass wir unser Großhirn und sein aufklärerisches Erbe ganz ausschalten sollen, sondern wir müssen es mit den anderen neurologischen Kräften, die in uns wirken, zum Ausgleich bringen und eine Balance herstellen (Vgl. u. a. Siegel 2010, S. 189 ff).
Einen ersten Versuch einer neuronalen Theologie habe ich 2018 vorgelegt. Allerdings bin ich damals nur am Rande auf das limbisches System eingegangen.(vgl. a .a .0., S. 59). In meinem auf dieser Blogseite veröffentlichen Vortrag "Die pastorale Aufgabe in der Krise aus neurologischer Perspektive" habe ich dazu einige Beispiele gegeben, welche Rolle das limbische System spielt. Durch innere Bilder und Imaginationen können wir Einfluss auf unser limbisches System nehmen, da dadurch entsprechende Hormone in den Regelkreisen des Systems ausgeschüttet werden.

Die Macht der Inneren Bilder

Mein vorläufiges Fazit heißt also: Durch Bilder und Symbole nehmen wir Einfluss auf unser limbisches System und damit auf unser Denken und unsere Entscheidungen. Bilder und Symbole sind die Sprache des limbischen Systems, sie sind hirngerecht (Vgl. u. a. Hütter, 2016)
Das wusste auch schon Jesus, wenn er in Gleichnissen sprach.
Und es zeigt sich immer wieder: So zog neulich in meinem Seminar an der Hochschule Augsburg über den Sinn des Lebens Hegel gegen Camus den Kürzeren. Der Grund war einfach. Camus operiert mit den Mythen von Sisyphos und Prometheus, die meinen Studierenden sofort einleuchteten. Hegel mit seiner Dialektik von These, Antithese und Synthese war dagegen unanschaulich.
Und meine Erfahrungen in Afrika zeigen, dass dort der diakonische Prozess erst richtig in Gang kam, als wir das Bildwort vom "Gott ist der Vater der Waisen und die Kirche ist ihre Mutter" einbrachten.

Das stärkste Bild das wir haben: Jesus

Nun sind wir als Kirche von der Lösung eigentlich gar nicht so weit entfernt.
Wir müssen nur wieder lernen, das limbische System der Menschen anzusprechen. Und wir haben darin eigentlich eine lange und gute Tradition.
Deshalb erklärt H.-G. Häusel auch die katholische Kirche zum erfolgreichsten Unternehmen aller Zeiten (Häusel, 2014, S. 153.), weil sie es immer wieder verstand das limbische System der Menschen zu erreichen.

Keine Lust auf weitere Spielereien

Nun habe ich persönlich keine Lust mehr auf weitere Spielereien und langwierige Leitbildentwicklungen. Und ich glaube viele Menschen haben dazu auch keine Lust mehr. Wir brauchen nicht selber mehr etwas zu entwickeln, wenn wir schon etwas haben, was alle anderen Bilder und Symbole übertrifft.
Wir brauchen nicht mehr weiter zu experimentieren und zu evaluieren und dann doch festzustellen, dass unsere Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben. Das haben wir nun schon zweihundert Jahre versucht.
Wir brauchen in der gegenwärtigen Lage das stärkste Bild, das wir haben.
Was wir uns nicht selber entwickeln, sondern was uns, wie Karl Barth sagen würde, senkrecht von oben gegeben ist.

Theologische Begründung

Theologisch ist Jesus das stärkste Bild, das wir haben.
Er ist nicht nur, wie wir alle, ein Ebenbild Gottes, sondern als wahrer Mensch auch das wahre Ebenbild Gottes.
In ihm ist die Herrlichkeit Gottes erschienen.
Aber auch ekklesiologisch kommen wir um Jesus nicht herum. Ohne Jesus keine christliche Kirche. Keine Kyriake, die dem Herrn Gehörige
Eigentlich müsste das soweit klar sein.

Die Jesus-Leere kirchlicher Prozesse

Ganz im Gegensatz zu dieser zentralen theologischen Bedeutung empfinde ich eine Jesus -Leere in vielen kirchlichen Prozessen. Es gibt Pfarrkonferenzen, in denen das Wort Jesus nicht einmal vorkommt. Auch in vielen Reformpapieren ist er nur am Rande zu finden. Vielleicht nur als theologisches Rahmenkonzept auf den ersten Seiten.

Neurologische Begründung

Nun, vielleicht mag so eine Jesus-Leere Kennzeichen eines modernen, autonomen Glaubens sein. Man braucht ihn eben nicht mehr den Gründer! Man wäre dann ja fromm.

Ein Bild muss häufig angetriggert werden um zu wirken

Aber leider spricht die Neurologie gegen so eine Haltung.
Denn unser Gehirn lernt nur durch stetige Wiederholung. Und ein Bild, das wir nicht immer wieder antriggern, kann weder bei uns noch bei anderen seine Wirkung entfalten. Hier ist noch viel nachzudenken, wie das in einer guten Art und Weise geschehen kann.

Jesus im Vergleich zum Vater und zum Heiligen Geist

Nun gibt es in unserem kirchlichen Bilderschatz natürlich noch viele andere Bilder. Warum also "Jesus"? Spielt nicht der Vater oder der Hl. Geist auch noch eine Rolle?
Auch hier weist die Neurologie eindeutig in Richtung Jesus.
Das heißt nicht, dass Gott Vater und Gott der Heilige Geist theologisch gesehen minderwertig sind. Sie sind alle gleichwertig.
Es gibt aber aus der Sicht einer neuronalen Theologie beachtenswerte Unterschiede:
Das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie unser Gehirn Begriffe konstruiert. Es extrahiert nämlich einen Begriff aus einer langen Reihe von empirischen oder narrativen Erfahrungen.
Und hier ist Jesus mit seinen vier Evangelien klar im Vorteil. Er verfügt in der Bibel über die breiteste narrative Basis (Vgl. Burkhardt, 2018, §18)
Sein Bild kann unser Gehirn und vor allem das limbische System am besten aufnehmen. Gott Vater und Gott der Hl Geist haben natürlich auch eine entsprechend kleinere narrative Basis in der Bibel. Das führt dazu, dass es uns sehr schwer fällt uns ein Bild von ihnen zu machen. Ist Gott Vater der alte Mann mit dem Rauschebart? Vielleicht gilt hier das Bilderverbot des AT ganz zurecht. Und auch die vier Bilder für den Hl. Geist (Taube, Feuer, Wasser, Wind) sind zu symbolisch, als dass sie für jeden Menschen sofort einsehbar sind.
Die Bilder "Vater" und "Hl. Geist" bedürfen viel mehr einer Interpretation von Jesus her. Sie sind und bleiben ohne Jesus als Referenz zweideutig (vgl. Burkhardt, 2018, S.78 f)
So löst sich ein Glaube an Gott, den Vater ohne ein Rückbezug zu Jesus zu einer allgemeinen Weltregligion auf, die nur an einen Schöpfergott glaubt.
Und der Glaube an den Hl. Geist ohne einen Rückbezug zu Jesus löst sich in einen Glauben an eine allgemeine Spiritualität des Menschen auf.
Beide Optionen sind sicherlich theologisch interessant, aber sie benötigen eben keine Kirche und schon gar keine christliche Kirche. Hier liegt das eigentlich Problem des eingangs erwähnten, von der Aufklärung übernommenen allgemeinen Religionsbegriffes.
Mit anderen Worten: Eine christliche Kirche die auf einen allgemeinen von Jesus losgelösten Religionsbegriff setzt, ist dabei, sich selber abzuschaffen!

Einfach Jesus

So glaube ich, dass die Zukunft unserer Kirche entscheidend davon abhängen wird, ob wir theologisch wieder bereit sind, in Verkündigung und Lehre auf eine einfache Christologie einzuschwenken, die das Herz, der Menschen berührt. Das schließt Reformen nicht aus. Sie bleiben weiterhin nötig, aber ohne eine entscheidende theologische Wende werden sie den Entkirchlichungsprozess vielleicht verlangsamen aber nicht aufhalten können.

Literatur

Adlmaier-Herbst, Dieter Georg, Maja Storch, Johannes Storch, and Anke Breiter. 2018. Change-Management - So Klappt’S! Die Vier Zrm®-Innovationen Für Den Erfolgreichen Wandel. Bern.
Bauer, Joachim. 2015. Selbststeuerung Die Wiederentdeckung Des Freien Willens. München.
Burkhardt, Martin. 1999. Die Diskussion Über Die Unkirchlichkeit, Ihre Ursachen Und Möglichen Abhilfen Im Ausgehenden 18. Und Frühen 19. Jahrhundert : Dargestellt an Ausgewählten Quellen. Frankfurt am Main; New York: P. Lang.
Burkhardt, Martin. 2018. Neuronale Theologie. Memmingen
Burkhardt, Martin. 2020. Die pastorale Aufgabe in der Krise aus neurologischer Perspektive.
Häusel, Hans-Georg. 2014. Think Limbic! Inkl. Arbeitshilfen Online; Die Macht Des Unbewussten Nutzen Für Management Und Verkauf.
Hüther, Gerald, Jan Reinartz. 2016. Die Macht Der Inneren Bilder. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG.
Roth, Gerhard, Nicole Strüber. 2018. Wie Das Gehirn Die Seele Macht.
Siegel, Daniel J. 2010. Die Alchemie Der Gefühle - Mit Einem Vorwort Von Daniel Goleman - Wie Die Moderne Hirnforschung Unser Seelenleben Entschlüsselt - Das Navigationssystem Zu Emotionaler Klarheit. München: