Mein Leben und die Kirche

Pfr. Dr. Martin Burkhardt blickt kritisch auf 23 Jahre Berufserfahrung zurück.

Ich verdanke der Kirche sehr viel.

Meine Eltern haben beide einen christlichen Beruf, mein Vater ist Pfarrer und meine Mutter hat sieben Jahre lang als Gemeindeschwester gearbeitet.

Ich bin also in einem chirstlichen Elternhaus aufgewachsen und das ist sehr viel wert.

Trotzdem muss ja jeder und jede seinen eigenen Zugang zur Kirche finden. Jede Generation muss ihren Glauben finden. Er überträgt sich nicht so ohne weiteres auf die Kinder.

Für mich war es eine Jugendgruppe "Stolpersteine", die mir den Zugang zur Kirche neu eröffnet hat und mir in einer wichtigen Entwicklungsphase Heimat und Gemeinschaft geschenkt hat.

Diese Erfahrung hat mich auch ermutigt, Pfarrer zu werden.

Auch, und das möchte ich ausdrücklich betonen, habe ich die Kirche nun fast 23 Jahre lang als verläßlichen Arbeitgeber erlebt, der mir und meiner Familie finanzielle Sicherheit gegeben hat.

Wie geht es nun mit der Kirche weiter?

Heute stehen wir vor einer Situation, wo in der Kirche vieles in Frage gestellt ist:

Was wir wissen

Die Prognosen sagen eindeutig, dass wir weniger Mitglieder sein werden, dass wir weniger Geld haben werden. Wegen Nachwuchsmangel wird es weniger Pfarrer und Pfarrerinnen geben.

Was auch fest steht: Anstatt, dass wir Menschen im Namen Jesu gewinnen, verlieren wir sie oder können sie nicht überzeugen, für uns zu arbeiten.

Was wir nicht wissen

Wie aber sieht die Kirche von morgen aus? Darüber gehen die Meinungen noch weit auseinander. Und es gibt viele selbsternannte Experten, aber genau so viele Frustrierte.

Wird es die klassische parochiale Kirchengemeinde, mit der ich groß geworden bin und für die ich lange Jahre gearbeitet habe, so noch geben?

Wird es überhaupt den Beruf des Pfarrers oder der Pfarrerin so noch geben?

Welchen Weg sollen wir als Kirche einschlagen? Lange Zeit haben wir auf Reformen gehofft: Wie das Evangelische München Programm, oder das EKD Papier „Kirche der Freiheit“ (2006), aber jetzt hat sich wohl eine Art Ernüchterung durchgesetzt, dass sich der Rückgang so nicht aufhalten lässt, und man plant den geordneten „Rückzug“.

Was ich persönlich nicht weiß: Wie wird sich das auf den Rest meiner Berufszeit, mein Arbeit als Pfarrer auswirken? Und natürlich bewegt mich und die Frage, ist meine Altersversorgung bei der Kirche sicher?

Warum ist das so?

Meine Frage ist: Warum ist das so? Ist nicht die Kirche vom Neuen Testament her auf Wachstum und auf das Gewinnen von Menschen angelegt. Liegt hier nicht eine Art Wesensverkehrung oder Wesensverfehlung vor?

Ich habe es von Anfang an gewusst

Missionarische Jugendarbeit

Nun bin ich keineswegs blauäugig in meinen Beruf als Pfarrer gestartet. In unserer sehr lebendigen Jugendgruppe "Stolpersteine" waren wir uns der Widersprüche und Unzulänglichkeiten des Systems "Kirche" wohl bewusst. Wir verstanden uns durchaus als eine Art Aufbruch innerhalb der verfassten Kirche.

Auch wenn wir damals durch unsere missionarische Teestubenarbeit "Arche" sehr viele Menschen erreicht haben, tauchte ich während meiner Lehre als Kfz-Mechaniker in eine ganz andere Welt ein und ich musste erleben, wie schwer sich die doch sehr intellektuell angehauchte evangelische Jugend im Arbeitermillieu etablieren konnte.

Erfahrungen in den USA

Diese Erfahrung führt dazu, dass ich mich vor meinem Studium noch einmal nach Alternativen umschauen wollte. Fünf Monate war ich bei der Vineyard Christian Fellowship in den USA. Hier funktioniert Gemeinde, ganz ohne die gewohnten landeskirchlichen Strukturen. Keine Kirchensteuer, kein Landeskirchenamt, keine großen Reformprojekte. Die Kraft der Kirche kommt aus den Gemeinden heraus. Jede Gemeinde ist weitgehend für sich selbst verantwortlich und finanziert sich selber. Dass Kirche ohne Landeskirche funktionieren kann, gibt mir heute Mut. Aber es gibt mir die Frage auf, ob es der richtige Weg ist, die Struktur der Einzelgemeinde weiter zu verwischen.

Was mir damals auch schon klar war: dass in unserer theologischen Ausbildung und der Struktur des Pfarramtes der Wurm drin ist. Sie ist viel zu wenig praxisbezogen und auf den missionarischen Aufbau der Gemeinde hin ausgerichtet.

Die Erfahrungen in den USA waren ungeheuer spannend. Am liebsten wäre ich dort geblieben, aber ich habe mich dann doch entschlossen trotz aller Vorbehalte, meine Theologiestudium zu beginnen und Pfarrer zu werden.

Aber mir war bereits damals klar, es wird auch für die Kirche in Deutschland eine Zeit kommen, da werden diese Erfahrungen wichtig sein. Und ich glaube jetzt ist sie gekommen. Dies wird sehr deutlich in einer Vision, die mir Gott damals geschenkt hat: die Vision von der Brücke.

Über die Unkirchlicheit

Und dann wollte ich es genau wissen. Ursprünglich wollte ich ja gar nicht studieren, sondern auf eine Bibelschule gehen, aber ein geistlicher Ratgeber hat mich sehr ermutigt und dann noch gesagt "Und wenn es dir möglich ist, mach noch den Doktor".

Und wieder das Thema "Kirche" - Die Krise der Kirche vor 200 Jahren am Ende der Aufklärung und in der napoleonischen Zeit. Da ging es schon heiß her: Manche vermuteten schon damals, dass die evangelische Kirche innerhalb von 30 Jahren vom Erdboden verschwunden sein würde. Und niemand wusste auch damals wie es weitergeht. Es gab bis zum Konkordat von Napoleon mit dem Papst 1801 Christenverfolgungen in Frankreich. Und damals wie heute wurde darüber viel nachgedacht und geschrieben. In dieser Diskussion ist dann auch der Begriff "Unkirchlichkeit“, das Thema meiner Dokotorarbeit, geprägt worden.1

Aber es ist schon peinlich: Es sind heute wie damals fast die selben Argumente und Vorschläge. Man möchte die Kirche verbessern, reformieren: bessere Gottesdienste, bessere Jugendprogramme, die Einführung einer besseren Kirchenordnung.

Zwei Exemplare meiner Doktorarbeit stehen in der Bibliothek des Landeskirchenamtes, weil ich damals einen Druckkostenzuschuss erhalten habe. Aber gelesen hat sie dort wohl niemand. Sonst wäre ihnen ja aufgefallen, dass viele der in den letzen Jahrzehnten vorgeschlagenen Reformpakete in der Tendenz schon damals verkündet wurden und nur eine Neuauflage sind.

Das ist blamabel, weil ja alle Theologen auch Kirchengeschichte studiert haben und doch eigentlich Geschichte dazu da ist, um aus der Vergangenheit zu lernen.

Und wenn man sich schon als Manager versteht, dann müsste man doch gelernt haben sich durch try and error vorsichtig und umsichtig aus einer Krise herauszuarbeiten. Aber das scheint in unser Kirche nicht zu funktionieren.

Man arbeitet sich halt so von einer Reform zur nächsten und von einer Landesstellenplanung zur Nächsten. und ist im "Reformstress“.2. Dabei verlieren wir aber den Überblick über die großen Zusammenhänge.

Man hätte es also wissen müssen...

Ich hätte es also wissen müssen, was jetzt kommt. Die Frage ist nur: hätten es die andere nicht auch wissen müssen und warum ist bis jetzt so wenig Effektives passiert, um aus der Krise heraus zu kommen.

Vielleicht ist man bei Kirche einfach zu arrogant und selbstgefällig: Als ich 1988 vor meiner Reise in die USA im Landeskirchenamt um "Erlaubnis" fragte, sagte mir die zuständige Person in etwa: sie könne es mir ja nicht verbieten, sie glaube aber nicht, dass von den USA etwas Gutes komme. Das hatte sich 1998 zwar geändert, denn als ich noch mal in die USA flog, saß ich mit einer Kollegin im Flugzeug, die vom Landeskirchenamt ausgesandt war, um in den USA Erfahrung über die Begleitung von Theologiestudierenden einzuholen.

Vielleicht noch ein Wort zu den Frommen: Sie haben natürlich immer die Erinnerung wachgehalten, dass die Kirche auch anders sein kann. Das ist gut so. Aber viel weiter gekommen sind sie auch nicht. Auch hier gab es viele Modeerscheinungen und Trends, denen man hinterhergelaufen ist.

Die große Erweckung ist bisher nicht gekommen. Und auch bei den Frommen gibt es leider viel Überheblichkeit und Vereinsmeierei, auch wenn sie meist geistlich übertüncht ist.

Zwischenbilanz nach 23 Jahren

Nach 23 Jahren oder 2/3 meines Berufslebens ziehe ich deshalb eine vorläufige Zwischenbilanz.

Die Kirche bietet mir die Chance, den Auftrag Jesu an mich auszuführen

Zunächst wieder Dankbarkeit: Die Landeskirche ist nach wie vor eine ideale Plattform, um Menschen zu begegnen und ihnen von Jesus zu erzählen.

So lange ich das kann, will ich gerne in der Landeskirche und auch Pfarrer bleiben.

Allerdings ist diese Position nicht unangefochten. Denn ich spüre immer wieder mein Unvermögen, dies auch wirklich zu tun, weil mir Verwaltungsaufgaben manchmal überhaupt keine Zeit mehr lassen, um mit Menschen in Kontakt zu treten.

Außerdem spüre ich immer wieder, dass das Setting "Kirche" mich in ein Korsett presst, wo ich gar nicht mehr diesem Auftrag gerecht werden kann, sondern auf zu vieles Rücksicht nehmen muss.

Ganz besonders bin ich natürlich auch dankbar für die Zeit in Tansania. Ich durfte Missionar sein. Ich habe zwar keine Menschen dort bekehrt, aber das von mir angefangene Waisenprojekt ist für die Kirche dort immer noch segensreich und trägt dazu bei, die tansanische Kirche in eine diakonische Kirche zu verändern. 3

Auch in meiner Steinheimer Zeit konnte und durfte ich meinen Glauben mit vielen Menschen teilen und in kleinen Schritten an der Weiterentwicklung der Gemeinde mitwirken. Was hier allerdings gefehlt hat, war der Durchbruch wie in Tansania. Nun gut, so was wie in Tansania ist natürlich einmalig. Doch sollten wir uns natürlich auch in Deutschland Gedanken machen, warum es nicht öfters solche Durchbrüche gibt, die wir so dringend brauchen.

Kritische Zwischentöne

Nun kommen wir zu den etwas kritischeren Bemerkungen. Ich habe natürlich auch in den 23 Jahren viele Dinge in der Kirche erlebt, die weniger schön sind, nicht nur in Deutschland, sondern natürlich auch in Tansania. Nun ist die Frage, soll man darüber reden. Deckt nicht die Liebe, die Mengen der Sünden zu?

Hilft es aber, immer alles unter den Teppich zu kehren? Das erscheint auch nicht hilfreich.

Sowohl mit der Großorganisation Landeskirche, aber auch auf der Gemeinde- und Gruppenebene habe ich leider viele schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Und einiges davon schreit zum Himmel!

Von einer Fehlerkultur wird viel geredet. Aber ich glaube, wir sind noch weit davon entfernt, weil wir gerade die systemrelevanten Fehlern tabuisieren und für sie blind sind. Keine/r redet ja gerne über die eigenen Fehler.

Menschen, die darauf hinweisen, werden als "Nestbeschmutzer" gebrandmarkt.

Die Kirche als Großorganisation

Zunächst und darüber müssen wir uns immer im Klaren sein, wir sind eine Großorganisation. Und da geht es immer auch um Macht, Ressourcen, Pfründen, Posten, Kirchenpolitik.

Und die Soziologie weiß nur zu gut, dass es Großorganisation schwer haben, sich neu auszurichten und an eine neue Marktlage anzupassen und sie deshalb schnell in eine Schieflage geraten. Die Geschichte der ehemaligen Superkonzerne, die einmal ganz vorne standen und inzwischen nicht mehr existieren oder eben weit zurückgefallen sind, ist dafür ein schlagender Beweis.

Für die Großorganisation typisch ist der "Funktionär". Er oder sie hat es gelernt, sich in der Organisation zu bewegen und ihre Schliche und geheimen Türklinken zu kennen. In der freundlicheren Variante ist dieser Funktionär allen Menschen freundlich und wohlwollen gegenüber, aber er wird sich hüten, für andere seine eigene Position zu riskieren und hängt so seine Fahne in den Wind. Die schlimmere Variante ist der eiskalte Machtmensch, der seine Position einsetzt um vermeintliche Konkurrenten an den Rand zu drängen. Leider findet sich diese Art von Leitungskultur auch in der Kirche wieder und sie ist eine der Gründe dafür, warum es nicht wirklich voran geht.

Die Kirche als Gemeinde

Aber die selben Macht- und Gruppenphänomene tauchen natürlich auch in kleineren Einheiten auf. Auch in einer Kirchengemeinde vor Ort geht es soziologisch und gruppenpsychologisch gesehen, um Macht, Anerkennung, Prestige und Selbstdarstellung. Und das gilt natürlich auch für alle frommen Gruppen!

Hier gibt es weniger den "Funktionär", sondern die Figur des "Platzhirschen". oder genderkonform der "Platzhirschin". Kleine Gruppen sind die ideale "Bühne", um sich selbst zu verwirklichen und darzustellen. Das gilt besonders für Menschen, die diese Bühne woanders nicht gefunden oder verloren haben. Dazu braucht man aber ein Publikum. Und die Platzhirschen achten mit Argusaugen darauf, dass ihnen dieses Publikum nicht streitig gemacht wird und grenzen mögliche Konkurrenten konsequent aus.

Insofern schützt der Rückzug in die kleine Gruppe nicht vor diesen negativen Phänomenen. Aber und das spricht für eine Stärkung der kleineren Dimension, kleinere Einheiten sind kybernetisch besser steuerbar. Sie sind weniger komplex. Und es gilt Komplexität zu reduzieren. Die Chance ist deshalb größer, dass sich kleinere Strukturen eher verändern und reformieren lassen und sie zur Kraftquellen und zu Ausgangspunkten für positive Entwicklungen werden.

Gleichzeitig minimieren sie das Risikos für Fehlentwicklung. Denn scheitert ein Versuch, ist davon nicht der ganze Organismus, sondern nur die Zelle betroffen.

Das subsidäre Prinziep der Landeskirche

Die Großorganisation Landeskirche entlastet mit ihrem Kirchensteuersystem die Kirchengemeinden und schützt die einzelne Kirchengemeinde vor dem Untergang, falls dort Leitung und Gemeinde versagen. Sie sorgt auch für einen gewissen finanziellen Ausgleich zwischen strukturschwachen und starken Regionen. Insofern eigentlich ein gutes System.

Allerdings hat es eben auch seine Grenzen. Denn die Tendenz besteht hier, dass die Gemeinden ihrer Verantwortung enthoben werden. Nach dem Motto, uns kann ja nichts passieren, der landeskirchliche Zuschuss ist uns sicher. Dies führt einerseits zu einer Agonie, auf der anderen Seite zu Frustration.

Denn die Gemeinden, die sich engagieren und (noch) Mitglieder gewinnen, bekommen ja nicht mehr Zuschüsse, sondern müssen die anderen mittragen. Und es wird dann noch frustrierender, wenn hoffnungsvolle Neuansätze von oben blockiert werden.

Deswegen geht es meiner Meinung nach darum, die Eigenverantwortung der einzelnen Kirchengemeinden zu stärken. Und wenn eine Gemeinde aufhört zu exisitieren, dann wird eben dort das Licht ausgemacht. Dazu muss man den Mut haben. Auch in den USA gibt es viele Freikirchen, die nach ihrer Gründung wieder eingehen.

Auf der anderen Seite gilt es eben, die Eigeninitiative von kleinen Gruppen zu stärken. Aber Vorsicht, es sind nicht immer die Finanzen, die das Problem sind. Gute Initiativen wachsen aus sich selber heraus und finanzieren sich selbst. Eine allzu großzügige Förderpolitik erzeugt nur kurzfristige Effekte, weil das Engagement sofort wieder eingestellt wird, wenn die Förderung ausläuft.4.

Ob diese Gruppen in Zukunft noch die parochialen Gemeinden sein werden ist fraglich und muss diskutiert werden. Aber die Kirche wird immer aus kleinen Gruppen und Gemeinschaften bestehen und von ihr getragen werden. Das ist meiner Meinung auch gar nicht anders möglich. Und diese Gruppen und Initiativen werden auch überleben, falls die Landeskirche untergehen sollte.

Mehr zum Thema Kirche

Schule des Denkens Heft 5

Kirche und Gesellschaft

Schule der Reformation Heft 2

Gemeinde - ein Soziopsychogramm

Schule der Reformation Heft 4

Kirche als Lerngemeinschaft

  1. Der volständige Titel lautet: Die Diskussion über die Unkirchlichkeit, ihre Ursachen und mögliche Abhilfen im späten 18. und frühen 19 Jh.[]
  2. Vgl. Das Buch von Isolde Karle, Kirche im Reformstress[]
  3. Vgl dazu meinen Artikel Der blick zurück nach Deutschland[]
  4. Das haben wir jetzt aus 20 Jahre Arbeit in Tansania gelernt und ich denke dies Erfahrung ist übertragbar, vgl dazu meinen Artikel Der Blick zurück nach Deutschland[]